Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Depression – Eine Strafe Gottes?

Kürzlich führte ich mit einem Klienten ein Gespräch über seine Depressionen, das noch immer in meinen Gedanken geistert.

Depressionen

Der Klient berichtete von seinen Depressionen, unter denen er regelmäßig unregelmäßig litt und leidet. Und er beschrieb sich und mir alle Einschränkungen, die er durch seine Depressionen in seinem Leben erlebte und erlebt. Dabei redete er sich auch leicht in Rage – Wut ist mir bei ihm nichts Unbekanntes – und schloss schließlich seinen langen Bericht mit den Worten. „Diese verdammten Depressionen sind eine Riesen-Sauerei! Das alles erleben zu müssen, ist eine Strafe Gottes! Eine Geißel Gottes!“

Depressionen – Von Gott gesandt?

Dass Depressionen eine Riesen-Sauerei seien, darin konnte ich meinem Klienten bedenkenlos zustimmen. Aber dass Gott nun einem Menschen Depressionen als Strafe schicke, mit diesem Gedanken konnte ich mich auf Anhieb nicht einverstanden erklären. Und bis jetzt stehe ich zu dieser spontanen Skepsis.

Und auch, dass Gott Depressionen verwende, um Menschen zu geißeln, was wahrscheinlich heißen soll, dass den betreffenden Menschen das Böse aus dem Leib getrieben werden soll, leuchtet mir nur schwer oder gar nicht ein. Ich erwähne dies, weil ich mich frage, mit welchem Gottesbild denn mein Klient sein Leben lebt. Und weil ich mir natürlich auch im Klaren bin, dass auch ich ein ganz bestimmtes Gottesbild habe; von einem ganz bestimmten Gottesbild besessen bin.

Gottesbild und Weltbild

Doch es war gar nicht so sehr das mögliche Gottesbild meines Klienten, das in mir ein mulmiges Gefühl verbreitete und das mich besonders interessierte. Das Bild eines strafenden und rachsüchtigen Gottes, das ich übrigens keinesfalls teile, ist weder neu noch originell und seit Jahrtausenden leben Menschen mit dieser (wahnsinnigen) Vorstellung. Und auch ich brauchte in jungen Jahren viel Mühe und Zeit, um mich von einem solchen Gottesbild zu lösen.

Was mich vielmehr erstaunte, war die Behauptung, die Depressionen meines Klienten seien eine Strafe Gottes und eine (persönliche?) Geißel für ihn.

Depressionen – Eine Strafe?

Lassen wir das Gottesbild vorerst ruhig einmal außer Acht und betrachten wir doch einfach einmal die Vermutung, die Depressionen seien eine Strafe. Hm!

Einer Strafe geht ja wohl immer eine Schuld voraus. Und wenn ein Mensch eine Strafe für sich als gerechtfertigt anerkennt, wenn er die Strafe also als gerechte Strafe auf sich nimmt, geht dieser gerechten Strafe folglich eine wirkliche, eine tatsächliche Schuld voraus?

Hm! Hatte mein Klient also das Gefühl oder hat er vielleicht sogar das Wissen, Schuld auf sich geladen zu haben? Dann hätte er also nicht nur ein Schuldgefühl, sondern auch ein wirkliches Schuldbewusstsein. Ein gerechtfertigtes Schuldbewusstsein?

Die Schuld

Nun wollte mich meine Boulevardpresse-Neugier zwar gleich dazu verführen, nach dieser schlimmen Schuld zu fragen. Doch meine Erfahrung hielt mich zurück. Weil ich ja weiß, dass gerade Scham, Schuld, Schande und Verrat die vier apokalyptischen Reiter – wie ich sie gerne nenne – unserer Seele sind. Scham, Schuld, Schande und Verrat sind die Seelen- oder Bewusstseinsinhalte, die uns ruinieren. Und das funktioniert ganz unabhängig davon, ob diese Schuld, diese Schande, dieser Verrat ganz real oder nur angenommen, nur eingebildet sind.

Das Fazit

Nehmen wir also einmal an, es sei die Schuld oder ein Schuldgefühl, die meinen Klienten nun in die Depression führten, so dass er auf den Gedanken kam, seine Depressionen als gerechte Strafe ansehen zu müssen, so stellt sich nun die Frage nach einem ganz grundsätzlichen möglichen Zusammenhang. Sollte tatsächlich eine Schuld oder ein Schuldbewusstsein ursächlich für Depressionen eine verantwortliche Komponente sein können? Oder verhält es sich eher so, wie es ja auch gelehrt wird, dass Schuldgefühle eine mögliche Folge der Erkrankung Depression sind?

Stehe ich hier vor der sprichwörtlichen Frage was zuerst dagewesen sei, die Henne oder das Ei?

Jedenfalls merke ich: Meine Gedanken haben hier noch kein Ende gefunden. Sie gehen weiter und müssen auch weitergehen. Ob im Wahn oder im Sinn, wird sich zeigen.


Depression - Eine Strafe Gottes?
Depression – Eine Strafe Gottes?


 

7 Kommentare

  1. Richtig, der strenge, strafende Gott ist ein altes Bild. Und ebenso die Götter, die mehr oder weniger wahllos, auch aus eigentümlichem Jux, zuschlagen.
    Menschliche Hybris züchtigen. Gut, im traditionell christlichen Glauben ist der Mensch per se sündig. Gott hat jederzeit das Recht, ihm ein paar hinter die Hörner zu geben. Sowieso.
    Aber ausgerechnet Depressionen!
    Freilich (war der K. in einer manischen Phase, wenn er wütend sein konnte?), der wirklich despressive wird schuldig: verbreitet Trübsal und wirkt durch Untätigkeit. Da ist es wieder: der Mensch wird immer schuldig, er hat gar keine echte Wahl!
    Solange wir uns hier einen Gott aufhalsen, der uns für das eine straft, für das andere Steicheleinheiten verteilt, wie der gerechte, strenge (oder auch der ungerechte, gemeine) Vater entkommen wir dem nicht. Solange wir dem Phantom des freien Willens nachjagen – tu ich auch, ich kenne keine Alternative, aber ich weiß auch von den Forschungsergebnissen! – sind wir schuldig für Tun oder Nichttun.
    In der Falle.

    • Michael Gutmann Michael Gutmann Autor des Beitrages

      Liebe Petra,
      „Gott hat jederzeit das Recht, ihm ein paar hinter die Hörner zu geben.“ Prachtvoll! Ist das eine mir noch nicht bekannte Redewendung, vielleicht eine sehr süddeutsche? Oder eine Kreation von Dir? Falls ja, darf ich sie dann aufgreifen? Ich bin begeister! Ich kenne zwar die Wendung „ein paar hinter die Ohren bekommen“ aber die Hörner machen doch noch einmal deutlicher, worum es hier geht.
      Danke und liebe Grüße,
      Michael

      • Ah, ein kleiner Fehler: ich meine, der Spruch heißt „zwischen die Hörner!“ Aber Gott kommt nur bei mir darin vor….

      • Die freie Verwendung von Kommentaren kann ich vermutlich eh nicht urheberrechtlich einschränken, hab’s auch gar nicht vor. Was meine Beiträge angeht freilich schon (ich empfehle rindsmäßig mit „Hannibal“ zu beginnen): wobei ich nur möchte, dass das, die Quelle, die Idee, nach guter alter Sitte erwähnt wird.

  2. lieber michael, ich habe deinen artikel mit interesse gelesen. der strafende gott, das ist auch nicht das, wie ich gott sehe, erlebe, empfinde. aber ich weiß, dass es manche gibt, die so empfinden, denken, es erleben.
    der hinweis deines klienten, dass depression eine strafe gottes sei oder sein könnte, ist für mich allerdings woanders angesiedelt. es ist vielmehr eine „verbreitete attitüde“, alles auf gott zu schieben. sauerei! lach.
    mit anderen worten: mir kam der gedanke, dass es möglich ist, dass jener klient keinen zusammenhang zwischen sich, seinem denken und tun oder nichtdenken oder nichttun und der depression sieht, sondern es von sich weg hält, á la: fremdverschulden! ich habe damit nichts zu tun!
    wenn es ein strafender gott ist, der depressionen verteilt, dann ist der-oder diejenige natürlich unschuldig und armes opfer! (also als folge des gottesbildes, des strafenden gottes).
    so verstehe und lese ich eher den hinweis in der aussage: depressionen sind eine strafe gottes.
    die unangenehme folge daraus ist natürlich, dass auch nur gott es dann wieder nehmen kann, oder? ergo, der klient nichts an seiner situation ändern kann. das ist natürlich eine doppelte strafe! (oder faulheit!)
    das waren nun meine spontanen gedanken. natürlich kenne ich nicht deinen klienten und dessen gedanken-und empfindungswege. aber das scheint mir eine schlüssige erklärung zu sein.
    vielleicht war es auch nur „flapsig dahergesagt“ in einem moment des „genug davon habens“ sozusagen. oder am ende aller möglichen erklärungen oder nicht-erklären-könnens“ die aussage oder der gedanke: das muss von gott kommen.
    so verstehe ich es, so lese ich es. aufgrund deiner schilderungen.
    danke für den anregenden text.
    ich wünsche dir eine gute woche, liebe grüße, poetin

  3. ergänzen möchte ich noch, dass depressionen „keine schuld“ sind, oder ähnliches. sondern eine häufig durch erlernte muster (erlernte hilflosigkeit) ist, aber keine strafe, eher eine folge von erlerntem verhalten / erziehung bzw. unverarbeiteten traumata.

    • Michael Gutmann Michael Gutmann Autor des Beitrages

      Liebe Poetin,
      Deinen beiden Kommentaren kann ich ganz und gar zustimmen. Und die Geschichte geht und ging noch weiter. … Demnächst …!
      Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass der Klient nicht wegen der Behandlung dessen, was er Depressionen nennt, bei mir in Behandlung ist.
      Dank und liebe Grüße;
      Michael

Schreibe doch, wie Du darüber denkst? - Danke!!!

Mission News Theme by Compete Themes.
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner